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Die Vermögensfrage

Automatische Rentenerhöhungen in der Berufsunfähigkeitsversicherung sind nur für die Versicherer und ihre Vertreter ein gutes Geschäft. Für die Versicherten sind sie in erster Linie ein Kostengrab. Es gibt aber Alternativen. Von Volker Wolff

Offenbar verlieren auch ansonsten eher kritische Verbraucherschützer gelegentlich die Übersicht und loben mehr oder minder uneingeschränkt Dinge, die ein bisschen zum Himmel stinken. Zum Beispiel finden die Stiftung Warentest oder Finanztip.de die automatischen Erhöhungen des Versicherungsschutzes in der Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) ziemlich toll. „Der Vorteil der Dynamik ist, dass es keiner besonderen Anlässe bedarf, um die Rente zu erhöhen. So können Sie nach und nach den Wertverlust durch die Inflation ausgleichen und die Rente automatisch steigern“, rät Finanztip. Und die Stiftung Warentest ergänzt, dass „der Prozentsatz“ dabei „möglichst hoch“ gewählt werden sollte, sofern „der Kunde sich die höheren Beiträge auch dauerhaft leisten kann.“ Von solchen Empfehlungen träumen die Vertreter: Wenn die Tester schon sagen, dass der Satz „möglichst hoch“ gewählt werden soll, dann sind doch fünf Prozent eigentlich nur ein Minimum: Hier unterschreiben, bitte – und schon hat sich die Provision vervielfacht.

Was die Verbraucherschützer offenbar nicht ganz auf dem Schirm haben: Fünf Prozent Dynamik sind bis zum Ende gerechnet ein explosives Gemisch. Das Beispiel einer real existierenden Police der Alten Leipziger Versicherung für einen 24-jährigen Ingenieur zeigt, wie zügig besonders die Kosten und die Beiträge wachsen: Der junge Hochschulabsolvent hat seit 2013 eine monatliche Berufsunfähigkeitsrente in Höhe von 1.000 Euro versichert und zahlt dafür monatlich 39,74 Euro, im Jahr also 476,08 Euro. Die sind allerdings nur der Anfang. Nach fünf Jahren werden sind es 609 Euro, nach zehn 777 Euro, nach 20 Jahren 1.265 Euro und nach 30 Jahren 2.061 Euro, wenn er die Dynamik ungestört arbeiten lässt. Wichtig dabei: Der Versicherungsschutz steigt deutlich langsamer als die Beiträge. Sein Plus errechnet sich jeweils nach dem Alter des Versicherten. Je älter der Versicherte, desto teurer wird die Rente. Grob skizziert haben sich bei Laufzeiten um 30 Jahre am Ende des Vertrages die Beiträge vervierfacht während die Rente nur das Dreifache erreicht.

Die Kosten orientieren sich aber an den schneller steigenden Beiträgen. Da geht es schon zu Anfang kräftig zur Sache: „Für den Abschluss und Vertrieb der Versicherung fallen einmalig zu Versicherungsbeginn 1.017, 38 Euro an“, erklärt die Alte Leipziger im Produktinformationsblatt. 1.017 Euro nur für den Vertrieb, das ist weit mehr, als in den ersten beiden Versicherungsjahren an Beiträgen fällig wird. Mit anderen Worten: Die ersten beiden Jahre bezahlte der junge Ingenieur nur für den Vermittler, der ihm den Antrag unter die Nase gehalten hatte. „Daneben werden übrige Kosten (z.B. für die Verwaltung und Betreuung Ihres Vertrages während der Vertragslaufzeit) berechnet, die ebenfalls bei der Kalkulation der Beiträge und Leistungen bereits berücksichtigt sind: 123,84 Euro“, erläutert die Alte Leipziger weiter. 123,84 Euro werden also Jahr für Jahr für die Verwaltung abgezogen.

Das alles gilt ohne jede dynamische Erhöhung. Die aber gibt es nicht gratis: „Für Erhöhungen im Rahmen einer vereinbarten Dynamik fallen neue Abschluss- und Vertriebskosten an und die übrigen Kosten erhöhen sich entsprechend“, schreibt die Alte Leipziger in ihrer Produktinformation. Und so fröhlich, wie die Beiträge steigen, so unbeschwert steigen auch die Kosten. Wird die Dynamik durchgehalten, werden im zehnten Jahr nur für die Verwaltung bereits 192 Euro fällig, im 20. Jahr 313 Euro, im 30. Jahr 510 Euro und nach der letzten Erhöhung 717 Euro. Allein die Dynamik kann die jährlich fälligen Verwaltungskosten auf mehr als das Fünffache treiben. Die 717 Euro gelten dann bis zum Vertragsende. 717 Euro im Jahr für „Verwaltung und Betreuung“ sind kaum zu glauben. Denn in der Regel verbirgt sich hinter „Verwaltung und Betreuung“ kaum mehr als die vom Computer einmal im Jahr ausgespuckte Rechnung. Offenbar haben sich die Verbraucherschützer die Dynamik noch nie bis zum Ende angeguckt.

Natürlich bekommt auch der Vermittler bei jeder Erhöhung seinen Anteil. Automatisch oder nicht, jede Erhöhung gilt als Neugeschäft und wird vergütet. Unterstellt man denselben Satz wie bei der ersten Provision, kommen für den Vertreter die jährlichen Beitragserhöhungen der wundersamen Geldvermehrung sehr nahe. Ganz ohne sein Zutun fließt mit jeder Erhöhung Geld. Dabei kommt über die Jahre einiges zusammen: Im zehnten Jahr zum Beispiel 75 Euro, im 20. Jahr 122 Euro und im 30. Jahr 199 Euro. Unter dem Strich werden es sogar über 4.870 Euro, wenn jede Dynamik mitgemacht wird. Zusätzlich zu den 1.017 Euro aus dem ersten Jahr, versteht sich.

Die bisher genannten Beträge für den Versicherungsschutz sind sogenannte Nettobeiträge, bei denen bestimmte Überschüsse bereits berücksichtigt wurden. Die Alte Leipziger nennte aber auch noch Bruttobeiträge, bei denen es keine Überschüsse mehr gibt. So machen es alle Versicherer. Das Risiko dabei: Die Versicherer garantieren die Überschüsse nicht und können den Beitrag bis zum Bruttobetrag, im Fall des jungen Ingenieurs im ersten Jahr 52,30 Euro, erhöhen. Und da es den Lebensversicherern, die die Berufsunfähigkeitsversicherung anbieten, derzeit eher schlecht als recht geht, gibt es solche Erhöhung immer wieder. Anders formuliert: Da die Aussichten der Branche ungebrochen trübe sind, dürfen sich die Beitragszahler darauf einstellen, dass sich ihre Beiträge durchaus noch einige Zeit den Bruttobeiträgen nähern können. Damit kommen noch höhere Monatsbeiträge ins Spiel, wenn die Dynamik durchgehalten wird: 1.022 Euro nach zehn Jahren, 1.665 Euro nach 20 Jahren oder 2.712 Euro nach 30 Jahren. Nach der letzten geplanten Erhöhung zum 36 Jahre drohen sogar Bruttobeiträge von 3.635 Euro im Jahr. Das ist der zweite große Haken der vereinbarten dynamischen Erhöhung.

Und dann gibt es noch einen kleinen dritten Haken: Die Versicherer müssen neuerdings ihre Kunden auch während der Vertragslaufzeit beraten. Wenn nicht, müssen sie ihnen eventuell entstandene Schäden ersetzen. So steht es jetzt in Paragraf 6 des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG). Einfach nur zu kassieren und auf einen Schaden oder das Vertragsende zu warten, geht nicht mehr. Es muss etwas geschehen. Und da kommt den Gesellschaften die Dynamik gerade recht, wird doch mit der jährlichen Anpassung auch ein möglicherweise gestiegener Bedarf angesprochen. Ein Streit über mangelnde Beratung ist dann schon etwas mühsamer zu führen.

Zu dieser Art Beratung gehört allerdings auch der Hinweis, dass der Versicherte eine Erhöhung nicht mitmachen muss. „Die Erhöhung entfällt rückwirkend, wenn Sie ihr innerhalb eines Monats widersprechen“ regelt Paragraf 5 der Zusatzbedingungen für die Dynamik bei der Alten Leipziger und verspricht, auf dieses Widerspruchsrecht „in jedem Nachtrag über die Erhöhung“ hinzuweisen. Diese Widerspruchsrechte gibt es bei allen Versicherern. Die Frage ist nur, wie oft der Versicherte widersprechen kann, ohne dass ihm eine neue Gesundheitsprüfung droht. Bei der Alten Leipziger droht nichts, „Sie können beliebig oft Erhöhungen widersprechen, ohne dass Ihr Recht auf weitere Erhöhungen erlischt“. „Andere wie die Hannoversche erlauben nur zwei Widersprüche in Folge – danach ist für künftige Erhöhungen eine neue Gesundheitsprüfung nötig“ hat die Stiftung Warentest Mitte vergangenen Jahres im Vergleich der Berufsunfähigkeitsversicherungen herausgefunden. Letzter Ausweg sei die Kündigung der Beitragserhöhung.   

Die Gesundheitsprüfung ist das scharfe Schwert der Versicherer. Aus Sicht eines Versicherten ist sie auch das einzige Argument für eine Dynamik. Wer an Leib und Seele fit ist, muss allerdings keine Gesundheitsprüfung fürchten und kann die Berufsunfähigkeitsverssicherung so abschließen wie er es braucht und möchte. Der gerade von Vermittlern immer wieder beschworene Inflationsausgleich ist bei Inflationsraten von unter zwei Prozent, so wie sie in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren galten, für einige Jahre kein Thema:  Bei 1,5 Prozent Inflation fehlen von 1.000 Euro Rente nach fünf Jahre an der Kaufkraft gerade 70 Euro. Mit den tatsächlichen Inflationsraten gerechnet sind es in Deutschland seit 2013 49,09 Euro. Dafür musste wahrhaft keine Beitragsdynamik mit fünf Prozent abgeschlossen werden.

Außerdem gibt es bei den allermeisten Versicherern auch noch die sogenannte Nachversicherungsgarantie. Die gestattet die Aufstockung der vereinbarten Rente ohne erneute Gesundheitsprüfung. Dabei wird die Summenerhöhung allerdings an bestimmte Ereignisse geknüpft, zum Beispiel die Heirat, die Geburt eines Kindes, den akademischen Berufsabschluss oder einen Einstieg in die Selbständigkeit. Bei manchen Gesellschaften, darunter auch der Alten Leipziger, gibt es daneben in den ersten Vertragsjahren auch noch die Möglichkeit, die zunächst vereinbarte Rente aufzustocken. Ganz ohne neue Gesundheitsprüfung. Ganz so alternativlos, wie die Dynamik von den Gesellschaften und ihren Vertretern so gerne dargestellt wird, ist sie bei näherem Hinsehen nicht.

Vor allem ihre exorbitante Kostenbelastung muss nicht sein. Das Geld kann man sich sparen. Auch für den qualitativ ordentlichen Versicherungsschutz der Alten Leipziger. Denn diese Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es bei der Alten Leipziger auch als Nettotarif. Das sind Tarife, die weitgehend ohne die Vertriebskosten kalkuliert sind und die deshalb bei identischer Leistung deutlich preiswerter sind. Diese Tarife gibt es nicht bei den Vertretern, sondern bei Versicherungsberatern und seriösen Honorarvermittlern. Die lassen sich ihre Arbeit meist nach Beratungsstunden vergüten, wobei für Verbraucher die Stundensätze in der Größenordnung von 150 Euro liegen. Dennoch machen die Verbraucher mit den Nettotarifen ein gutes Geschäft. Dr. Achim Hertel, Geschäftsführer der Hertel Versicherungen in Köln, bietet den bis aufs Komma identischen Versicherungsschutz des 24-jährigen Ingenieurs für 35,83 Euro statt 39,74 Euro an. Die Ersparnis über die Laufzeit von 43 Jahren: 2.017,56 Euro. Ganz ohne Dynamik, versteht sich.  Bei voller Dynamik wäre es ein Vielfaches. Ganz für sich behalten kann der Versicherte den Unterschiedsbetrag nicht, Hertel nimmt für seine Arbeit 20 Jahre eine „Servicepauschale“ von 18 Euro, höchstens also 360 Euro. Der Nettotarif lohnt sich.

Dem jungen Ingenieur rät Hertel sehr zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Aber ohne Dynamik. Sein Vorschlag: Die Dynamik sofort kündigen und je nach Bedarf mit einem neuen Vertrag aufstocken. Aber nur mit einem „Tarif ohne Provision“. Hinweise dieser Art lassen sich bei den so dynamikfreundlichen Verbraucherschützern nicht finden.  

Quelle: Welt.de, 28.05.2018, Autor Prof. Dr. Volker Wolff